Whistleblower sind keine Denunzianten

220220p48169EDNthumbBlog proCourage_1Im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) ist Ende Januar erneut ein Korruptionsfall aufgeflogen. Im Zentrum der Vorwürfe steht ein Ressortleiter des Seco, der mit Komplizen bei einer externen Informatikfirma verschiedene korrupte Geschäfte getätigt haben soll.

Im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) ist Ende Januar erneut ein Korruptionsfall aufgeflogen. Im Zentrum der Vorwürfe steht ein Ressortleiter des Seco, der mit Komplizen bei einer externen Informatikfirma verschiedene korrupte Geschäfte getätigt haben soll. Im Gegenzug erhielt er Geschenke wie VIP-Reisen, Wein und Elektronikgegenstände. Zahlreiche Bundesbeamte sollen vom mutmasslichen Bestechungsfall gewusst haben, und zwar sowohl Vorgesetzte als auch Untergebene des Ressortleiters. Obwohl man noch nicht viel darüber weiss, wie die belastenden Unterlagen an die Medien gelangt sind, dürfte es sich um einen Fall von Whistleblowing handeln.

Prof. Dr. Hans Rück von der Fachhochschule Worms, seines Zeichens Compliance-Experte, wird vom Tages-Anzeiger im Zusammenhang mit der Seco-Affäre über die Probleme im Kampf gegen Bestechung befragt und äussert sich auch zum Thema Whistleblowing.

Tages-Anzeiger: Es braucht also Whistleblower?

Prof. Dr. Hans Rück: Durchaus.  Doch ich halte Whistleblowing für zweischneidig. Eine positive Unternehmenskultur kann nicht auf Denunziation gründen. Whistleblowing ist Denunziation. Die Motive eines Whistleblowers sind nicht immer ehrenwert – oft sind sie vielmehr von persönlichen Enttäuschungen geprägt. Auch Falschaussagen sind nicht selten. Hier muss man aufpassen.

Mit diesen Bemerkungen hat Herr Rück allen Bemühungen, die Korruption wirkungsvoll zu bekämpfen, einen Bärendienst erwiesen. Whistleblower sind KEINE Denunzianten. Der Begriff der Denunziation ist durch und durch negativ konnotiert. Das wissen alle, die Whistleblowing bekämpfen, deshalb wählen sie ihn auch. Autoritäre Unrechtsregime leben oder lebten (die IM der Stasi, die Blockwarte der Nazi) von Denunzianten. Die Gleichsetzung von Whistleblowing und Denunziantentum ist die Schutzbehauptung derjenigen, welche sich in Politik, Wirtschaft und Verwaltung gegen die Herstellung von Transparenz und Ehrlichkeit stellen.

Whistleblowing ist eine extreme Form von Zivilcourage. Ein Whistleblower, der sein Verhalten moralisch reflektiert, handelt aus gemeinnützigen, nicht egoistischen Motiven, im öffentlichen Interesse, er widersetzt sich einer Unternehmenskultur, die  Missstände tabuisiert und Realitäten ignoriert. Er wendet sich gegen seinen Arbeitgeber an die Öffentlichkeit, um vor Fehlentwicklungen, Rechtsbrüchen oder bislang verschwiegenen Missständen und Gefahren zu warnen. Und vor allem: er geht bewusst ein hohes Risiko ein.

Korruption kostet die europäische Wirtschaft Jahr für Jahr rund 120 Mrd. €. Die Dunkelziffer bei Korruptionsfällen liegt bei über 90%. Korruption untergräbt das Vertrauen der Bürger in demokratische Institutionen und Rechtsstaatlichkeit, sie schädigt die Wirtschaft und entzieht Staaten dringend benötigte Steuereinnahmen. Korruption lässt sich nur durch Whistleblowing in den Griff kriegen, es ist nicht nur das beste, sondern einzige Instrument, das effektiv greift. Die grosse Mehrheit von Korruptionsfällen wird durch Insider aufgedeckt. Es ist deshalb unverzeihlich und kontraproduktiv, wenn ausgerechnet sogenannte Compliance-Experten sich derart negativ über Whistleblowing äussern.

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